Donnerstag, 16. März 2023

wallensteinplatz, ende februar

hab heute noch nicht
fuß gefasst such erst
nach halt denk mir
es ist der tag
der ist verrückt
der hinkt stets hinterher
bin ich doch schneller
als der frühlingssturm
bebe mit kahlen bäumen
vor abgeblätterten fassaden
rüttle am stillstand
zahnloser gemäuer
die aus der zeit gefallen
langsam bröckeln sich
auflösen zu staub
flügge werden
mit der zeit






.feb_2023

Winterwaldfährten

Du, Wand'rer, setzt den Schritt
in fest gefror'ne Spuren.
Nur ferne klopft ein Specht.
Kein Schatten wirft Figuren
auf harsches, kaltes Weiß.

Die Stille schreitet mit.
Du folgst zwischen den Stämmen
dem Wildspurengeflecht
beim Unterholz-Durchkämmen;
legst Fährten zum Beweis,

dass sich mit jedem Tritt
in Winters dunklen Senken
mit gutem Fug und Recht
dies bettet in ein Denken:
's ist alles Schnee und Eis.


Gleich einem Weltenschnitt
triffst du am Waldessaume
den Frühling - warm (und echt!) -,
erwachst aus kaltem Traume,
denkst: leb ich? Gut! So sei's!






.feb_2023

sine coda

wenn der wind an einem tag
wie diesem die schwedenhimmelwolken
rasch vorübertreibt sie wie
blendverschlüsse kurz nur vor
die sonne schiebt entsteht
ein flimmern wie bewegte bilder
zwei drei handvoll pro sekunde
genug um meinem denken vorzugaukeln
ich würde schweben wäre augenzeuge
nur und nicht akteur in meinem
coming of age film sine coda
stets bleibt offen wie er endet
beißt sich der hund in seinen schwanz
schiebt diese eine schwere wolke
das pausenschild vor die kulisse
wäscht mit dem regen spuren fort
mit ihnen ahnungen von dem was
wäre wenn was war und sollte sein
ich blinzle erst wenn meine augen
zu viel tränen ein wolkenbruch nach
dem anderen alles ausradiert und der
blitz einschlägt in den nahen see





.feb_2023

Am Himmel

Inmitten der vollen Ähren,
betupft von den leuchtenden
Sprenkeln des grellroten Mohns
lagen wir mit dem Donnergrollen,
atmeten Heupferdchenträume
mit dem Wiegen der Halme.

Du wolltest fliegende Fische
zählen. Ich bloß immer wieder
deine Sommersprossen
und die versprengten Galaxien
im endlosen Blau deiner Iris.

"Eins!" riefst du, und lachtest.
"Da - zwei!" und ich versank
in den Spiralarmen deiner Locken.
Ich hätte dir gerne einen gefangen,
doch du hattest die Zeit angehalten.

Irgendwo in der Welt knatterten
Motorräder vorüber, holperten
über das alte Kopfsteinpflaster
der Höhenstraße und der
auffrischende Wind trug mit dem Duft
von Marillenknödeln und Butterbröseln
das Glück in unser Universum.





.jan_2023

Anm.: "Am Himmel" heißt in Wien ein Erholungsgebiet, am Rand der Stadt und des Wienerwaldes gelegen, von dem aus man einen großartigen Blick auf die Stadt hat.

Suzanne

(Ein Pastiche als Hommage an zwei großartige KünstlerInnen und Musiker: Suzanne Vega und Leonard Cohen) 





Suzanne,

du wünschtest dir damals,
dass Sprache flüssig wäre.
Hofftest, sie könnte so
die flüchtige Unschärfe fangen,
die - kaum wahrgenommen -
dem Denken entflieht
und für immer verweht.

Also nahmst du mich mit
hinunter zu deinem Platz
am Fluss.
Wir lauschten den Booten,
naschten süße Orangen
und nippten an würzigem Tee.

"Es geht um die Wellenlänge"
meintest du. "Vertrau mir!"
So vermaßen wir das Wasser,
tauchten in uns ein,
in die beredte Stille
des Sommernachmittags,
sanken wie Steine
zwischen die Weisheit
jenseits der starrsinnigen Worte.

Du wolltest sie nie wieder
verwenden, erzähltest du mir
unter einer Sonne, die sich
wie Honig über uns goss,
auf unserer Haut Worthülsen
zu Krusten aus Sand trocknete.

Wir hielten die Füße still,
ließen Fischerboote an uns vorbeiziehen
wie Gedanken, blinzelten uns
Farbwolken unter die Lider,
und der Tag
floss durch unseren Geist und
brannte sich ein
in unsere makellosen Körper.






jan_2023

Die Zitate und Anleihen für einige Elemente der Bilder stammen aus den Songs "If Language Were Liquid" von Suzanne Vega und "Suzanne" von Leonard Cohen