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Mittwoch, 29. Januar 2025

und du liegst wach

und du liegst wach
im dunkeln hängst
fest in den gedanken
und längst vergangnen zeiten
fragst dich warum
das grübeln hab ich damals
nicht hätt ich doch nur
und wäre ich doch schon
in jungen jahren ich
gewesen mir selbst
mehr freund und rat

so liegst du wach
du weißt es sind die falschen fragen
(zeitlebens lebt sich lebenszeit
stets dir entgegen
lehrt dich erst zeit
dich selbst zu lieben)
und fühlst zugleich
so muss es sein
das nie-ganz-ankommen
bei dir

noch beinah wach
im kreisen deines innern
greift schon ein dämmern
dir ins denken hebt sie
ans licht - die träume
noch zu kommender tage









Freitag, 15. November 2024

Am Weg

Als hockte dort ein schwarzes Tier,
zum Sprung bereit, so schien es mir,
wenn ich mit Oma, Hand in Hand,
mich vor der Wegbiegung befand
auf schmalem Pfad am See entlang,
der feucht durch düstren Wald sich schlang.

Die Kreatur schien schwach zu glimmen,
doch schien die Farbe nicht zu stimmen.
Nicht Sonnenlicht, nicht Kerzenschein,
bloß Geisterhaftes konnt es sein!
Das wusste ich (mit vier) gewiss,
weshalb die Angst mich fast zerriss.

Wär Großmutter nicht da gewesen -
nie wär vorbei ich an dem Wesen
und bis zum Lieblingswirt gelangt!
Ich hätte viel zu sehr gebangt,
dass ich, anstelle selbst zu essen,
gleich würd zu einem Abendfressen.

Es war wohl Großmüttermagie,
die mir zuletzt den Mut verlieh,
dem guten Zuspruch zu vertrauen
und doch einmal genau zu schauen,
was jene Kreatur wohl sei.
Ab da war’s mit der Angst vorbei.

Zumindest fast. Ein leises Gruseln
fühl heut noch ich im Magen wuseln,
denk ich an diese Zeit zurück
und an das düstre Waldwegstück
mit jenem Baumstumpf – morsch und alt
in schauderhafter Tiergestalt.

Bloß Phosphor war’s, der leuchten ließ,
was einstmals Unheil mir verhieß.
Der Stumpf, schon seit Jahrzehnten fort,
erschuf damals den Zauberort,
der heut noch mir vor Augen schwebt
und macht, dass etwas in mir bebt.

Da ist ein Sehnen, ein Erinnern
an viel Zusammenhalt im Innern,
an Omas warme, feste Hand,
daran, wie sie dort mit mir stand,
mir half, die Angst zu überwinden
und meinen eignen Weg zu finden.





.okt_2024

Dienstag, 4. Juni 2024

herbstlicht über hinterbrühl

auf der a21 vorbei an hinterbrühl
es ging bergauf und der motor war laut
der letzte ausflug ohne das große
stumme monster zwischen dir und mir
ich sag jetzt nicht "das c-word" * denn
du würdest ohnehin meine aussprache
korrigieren wärst du noch hier doch
damals war da eine nähe (kann man mit
grad mal sechzig schon von altersmilde
sprechen?) ich glaub es war das licht
des herbstes so kristallklar so rein
dass nichts zwischen uns kommen konnte
kein raum war für ein nicht-verstehen
der wagen glitt von der hügelkuppe
ins nächste tal alles lief wie geschmiert
mayerling ("der arme kronprinz - welch ein
schicksal") gehörte uns an diesem tag
nie mehr davor oder danach waren wir so
innig so deutlich als mutter und tocher
in diesem unglaublichen herbstlicht
konturen nie wieder so gestochen scharf
noch heute kann ich an herbstlichttagen
wie diesem deinen umriss sehen so
sanft und leuchtend wie an diesem
einen tag





.jan_2024





*mit C-Word ist Cancer gemeint (nach der gleichnamigen TV-Serie)

Donnerstag, 16. März 2023

keksbackmoment

zwischen zimt und mandelkern
deinen namen mit fingern
ins mehl geschrieben
deine altstimme fehlt
den weihnachtsliedern
nur noch zwei generationen
unterm baum klammern
sich an traditionen fest
im versuch zu halten
dabei hast du mich erst
in deinen letzten jahren
umarmt
daran hätte ich mich
gewöhnen können






.dez_2022

unterholzgesänge

an grauen tagen
erinnerungsfäden zupfen
aus dem warmen geflecht
hinter den augen nah
dem blinden fleck
ein paar lose enden
wie spinnenbeine so fein
laufen durch tinte
ungeschriebener kapitel
kritzelspuren
fußnoten vergessener lieder
führen ins pochende unterholz

ihnen zu folgen heißt
dich finden und das was
gewesen sein könnte





.dez_2022

troadkostntirl

da oide troadkostn
beim kindasommabauernhof
mitn hinign tirl und de
blindn fensta
woa da vawunschne plotz
durt hob i mi higschlichn
waun's mi draußt zfüh
gschumpfm hom
nur d' spinnarinnan und i
maunchmoi de kotz und a
poa vogüfedan am lehmbodn
da staub vo an menschnlebm
hot se auf mi und mei
klopfats heaz glegt wia feenstaub
oiss laude fuatzaubat
und mi durt hi
wo's net weh taun hot





.nov_2022



Troadkostn: Getreidekasten - ein kleines befestigtes Gebäude - meist das UG aus Stein, darüber der Heuboden aus Holz - zum Lagern des Getreides.
Schon lange nicht mehr in Gebrauch stehen dennoch viele noch heute ein wenig wildromantisch verfallen nahe den Wohngebäuden der Bauerngehöfte und prägen das Landschaftsbild der kleinen Orte.

Mittwoch, 11. Oktober 2017

familienfotos

heut hab ich staub 
von deinem gesicht 
gewischt
und deinen wärmenden blick 
wiedergefunden

doch deine lippen
verschließen sich noch immer
wie in all den jahren
meines kindseins
jedem liebenden wort

dort
lasse ich den staub einfach 
liegen





.Juni 2008





Freitag, 21. April 2017

Für Franz

Der Schwedenbombenkuss um fünf am Morgen
im Partykeller war mein Liebesschwur.
Mein Herz, so sagte ich, würd ich dir borgen
im Tausch für deins. Du blicktest auf die Uhr

und meintest, dass du leider in zwei Stunden
nachhause fahren müsstest mit der Bahn.
Viel lieber würdest du noch mehr erkunden
von dem, was ich mit Schwedenbomben kann.

Die Tram in Richtung Bahnhof war auch meine.
Wir saßen glücklich, ganz von uns berauscht,
gebrauchten keine Worte, fanden keine.
Fast hätten wir die Nummern nicht getauscht.

Als du dann anriefst nach dem Wochenende,
war ich auch nicht ein Fünkchen überrascht.
Ich wusste, wen ich bombenküssend fände,
der weiß - wie ich - wovon man gerne nascht.

Wir hatten ein paar wundervolle Jahre,
wir liebten, lebten, lachten gern und viel.
Dann teilten wir das Schicksal vieler Paare -
es änderten sich Gangart und auch Ziel.

Ich denk heut oft, wir hättens hinbekommen,
wärn wir ein wenig reifer nur gewesen.
Ich weiß, ich war zum Schluss recht unbesonnen.
Erst letztens hab ich wo von dir gelesen,

dass du Theater spielst und unterrichtest,
dass du auch eine Frau (und Kinder?) hast.
Wie schön! Und wenn du Schwedenbomben sichtest,
dann hoff ich, dass für dich jetzt alles passt.




.April 2017

Donnerstag, 23. März 2017

großmutter


hand in hand
huflattichbehütet
durch wälder streifen
steinobelisken erforschen
den feuersalamander zähmen
moosbewachsne treppen erklimmen
teufelskrallen und trollblumen grüßen
den duft von narzissenfeldern trinken
heimrudern auf tiefschwarzem wasser
mich sicher fühlen mit dir
im turm über dem see
gewittern trotzen
und blitze zählen
hand in hand





.märz_2017

Donnerstag, 2. Februar 2017

Seismisches (Love-Wellen)

da sind noch immer
spuren von dir
in den gängen

meines hörens
meines sehens
meines fühlens

gesammeltes regenwasser
in den vertiefungen
deiner fußabdrücke

bereit beim
leisesten
nebelhaftesten
sanftesten

hauch des erinnerns
von dir erschüttert

zu werden



.2010

Die Schätze dieses Sommers

Die Schätze dieses Sommers, ich breit sie vor mir aus:
das kleine Stückchen Treibholz aus dem geliebten See,
so rund, so glatt und grau,
beinahe wie ein Kiesel.
Stets überrascht mich Leichtigkeit,
nehm ich es in die Hand.
Und aus dem Bachbett der dunkle Stein,
von glitzerndem Kristall durchzogen.
Eine Schramme am Bein hat er mich gekostet.
Du warst erschrocken, sahst das Blut,
doch ich hab stolz gelacht. Es tat nichts weh.
Hatt es noch nicht einmal bemerkt,
so im Entdeckerdrang.

Jetzt ist da eine feine Narbe.
Und mit ihr eingebrannt in mein Erinnern
die Sorge in deinem Gesicht,
der kühle Hauch vom Bachbett,
die Sonne überm Blätterdach,
die warme Flecken über Bach
und Wald und uns breitete.
Und ganz viel Glück.
Im Innern.



.2012

Kindersommer am Grundlsee

(für O.)





Der Himmel ist schon dunkel überzogen,
mein Blick fällt tief hinab in schwarze Fluten.
Ein scharfer Wind zersägt den See zu Wogen
und Grollen lässt Gewitters Werk vermuten.

So stand ich – Kind noch – oben an dem Fenster
mit deinen Armen eng um mich geschlungen.
Gemeinsam suchten wir ums Schloss Gespenster.
Von Märchenzauber war die Zeit durchdrungen.

Wie liebt' ich diese glückgetränkten Tage
in alten Mauern, nah gebaut am See,
wenn wohl geborgen ich des Windes Klage
im Turm dort lauschte, hoch im Sturmgeweh.

Da zuckt ein Blitz - so grell und nachtzerspaltend!
Fährt tief hinein in lichtgetauchtes Nass.
Wir schraken lustvoll damals, Hände haltend,
verwischt die Grenze zwischen Angst und Spaß.

Wir sehnten uns nach Donners wildem Schlage
wohlwissend, dass auch wir sogleich erbeben.
Nie wieder durfte bis zum heutgen Tage
ich mehr ein Schauspiel so wie dies erleben.

Nie mehr die unvergleichliche Kulisse;
der Zutritt gilt dort nur noch für „privat“.
Wie sehr ich dich, ach, Großmutter, vermisse!
Gewitter brülln nach deiner Gegenwart.


.märz_2017