Mittwoch, 11. Oktober 2017

auf der baumgartner höhe, pavillon annenheim



bitte, mama,
erzähl mir von deiner angst!
ich weiß, sie erfüllt das kahle zimmer,
sobald die besuchszeit zu ende ist
und die flügeltür hinter mir zufällt.

du sprichst nie.
wenn, dann über die schlagzeilen der illustrierten von vor drei monaten,
die hier herumliegen,
oder deine zimmergenossinnen.

nie fragst du.
nicht um trost.
nicht um hilfe.
nicht danach, was mit dir geschehen wird.
dann, wenn der krebs beginnt, dich vollends zu verzehren.
hüllst dich in palliatives totschweigen.
so wie dein ganzes leben schon.

meine angst
nehme ich jeden tag, an dem ich kommen kann, mit.
lasse sie gut angeleint vor deinem zimmer warten,
um sie beim nachhauseweg dort wieder abzuholen.
sie übernachtet bei mir.
jede nacht
seit du nur noch darauf wartest, dass „es“ vorbei geht.

du wolltest nie, dass wir,
deine töchter, dich so sehen.
nun kannst du nicht einmal
meine helfenden hände an dir ertragen,
meine gutgemeinten worte hören, die dich so quälen,
meine haltsuchenden blicke erwidern.
ich verspreche, ich werde nicht hinsehen!
ich verspreche, ich werde dieses bild von dir vergessen!
mein erstes wichtiges versprechen,
das ich nicht werde halten können.

doch du schweigst.
lange, bevor du die sprache verlierst.
bevor du hinter nebelwänden aus schmerzlosigkeit verschwindest.
sie verschlucken dich eines tages.
dann bist du nicht mehr da.
obwohl wir dich noch deutlich sehen können.
nur zu deutlich.

die angst
mag nun nicht länger draußen warten.
weit offen
steht die flügeltür.
vogelgezwitscher im park.

schließlich bist du verstummt.
anders als das vertraute schweigen,
das dich durch dein ganzes leben begleitet hat.
lässt uns zurück,
ohne dich jemals ganz erfahren zu haben.
dein blick ist so fern.
nun kann ich sie nicht einmal mehr
in deinen augen lesen,
deine angst .

ich hätte sie auf meinen schultern
mit zu mir nach hause getragen,
damit sie dir nicht länger zur last fällt.
jede nacht
und jeden tag.
sie hätte zu meiner angst gesprochen
wie eine alte bekannte.
vom mut der verzweiflung.
von den schönen dingen, die waren.
von der hässlichkeit.
von der natur der vergänglichkeit.
von ihrem eigenen wesen.
und ich hätte zugehört.

so
wie ich dir immer zuhören wollte.

stille.
endgültig und unerträglich wie am ersten tag.

meine schultern tun so weh.






.2008 (2005)