Donnerstag, 17. November 2022

tischnummer vier

 


und endlich wird es in mir still
gespräche verwaschen
zu einem teppich 
aus sanftem gemurmel
drüben am fenstertischchen
die dunklen silhouetten 
zweier damen über cremeschnitten 
gebeugt und vom alter
nur kurz verschwinden sie
vorm schwarzen farbband
als die tram vorbeirauscht

der regen bleibt draußen
nur ab und zu heftet er sich
neugierig an die fersen 
eines neuen gastes
gemeinsam mit einer flüchtigen
ahnung von verkehrslärm
ähnlich vergänglich und 
wiederkehrend wie das 
leise klingeln rührender löffel 
in stets zu kleinen tassen

ich halte mich fest
am duft des kaffees
an der bauchung des porzellans
lasse mich zärtlich zudecken
vom rascheln gemächlich geblätterter 
zeitungsseiten
vom genäselten dialog
der zwei alten herren am tisch
nebenan wird die welt in worte
gefasst und nichts ist so wichtig

dass nicht die zeit für eine weile
angehalten werden kann
im kaffeehaus





.sept_22

Wohnbauzeitalter

 





Ganz langsam schluckt ein Ungetüm den Himmel,
das dieses Jahr vor meinem Fenster wächst -
endgültige Versiegelung des Flecks
von letztem Grün im Viertel. Das Gewimmel


der gelben Helme und der blauen Dressen
erobert stetig hämmernd die Etagen
mit Kabelsträngen, Schalholz und Drainagen,
sprayt grüne Hieroglyphen nach Ermessen.


Und mittendrin, als würd es eingemauert,
leuchtend orange ein stählernes Skelett.
Es schwenkt und baut sich sein fossiles Bett.
Wird man es dort einst finden - hingekauert?


Erstarrt, geplättet, im Beton erstickt?
Ach nein - ich bin's, den dieses Haus erdrückt!





.okt_22

Meiner Hundemaus


 



Ach, Hundemaus, wie fehlst du mir!
Du warst mir ein so treues Tier!
Ein Jahr ist es nun bald schon her
und langsam spür ich dich nicht mehr...


Dein helles Fell, so zart und weich,
wie's Trost spendet mit jedem Streich.
Die Nasenstuppser, kaum zu spür'n,
die mich zum Kraulen soll'n verführ'n.
Dein Trippeln auf dem Holzparkett,
mein Aufwecklied im warmen Bett.


Die Origami-Öhrchen auch,
deinen mir dargereichten Bauch.
Den Hundeblick - so sanft und tief.
Dass du stets kamst, noch eh' ich rief.
Und wenn wir saßen vorm Kamin,
fest Po an Po - wie Medizin.


All das; ich merk, wie es verblasst.
Wie Spur'n, die du gezogen hast
mit mir gemeinsam in den Schnee.
Zerschmolzen, fort. Ach, Maus...adieu!



okt_22

ohne earpods




unter dem hallen 
in der halle
ein konglomerat gewebt aus 
lauten lauten
auf pflasterfugen rumpeln
hartschalenkoffer damenschuhe 
hacken takt für takt 
ins trottoir der dreiton 
vor bahnsteigdurchsagen
verweht mit abschiedsrufen
und dem geflatter der 
bahnhofstauben dazwischen 
zischt pneumatisches 
und auch mal die bahn durch
ein scharfer pfiff 

zerschneidet 

und bei genauem hinhören 
ganz leise auch 
das tock 
tock 
tock 
eines gehstocks
vernachlässigbar 
im tonalen querschnitt
der rastlosigkeit






.okt_22

Dienstag, 21. Juni 2022

Sommerhunger




 















Wenn im Teich die Sonne funkelt, 
lautlos die Libellen schwirren,
nichts das Sonnenlicht verdunkelt,
fängt die Luft an leicht zu flirren. 

Lautlos die Libellen schwirren,
um uns das Konzert der Grillen! 
Fängt die Luft an leicht zu flirren,
lässt sich Sommerhunger stillen. 

Um uns das Konzert der Grillen - 
Eis am Stiel tropft von den Fingern.
Lässt sich Sommerhunger stillen,
dürfen Boot und Träume schlingern. 

Eis am Stiel tropft von den Fingern;
lassen unsre Seelen baumeln
und auch Boot und Träume schlingern,
seh'n die Schmetterlinge taumeln. 

Lassen unsre Seelen baumeln -
nichts das Sonnenlicht verdunkelt!
Seh'n die Schmetterlinge taumeln,
wenn im Teich die Sonne funkelt.





.jun2022
artwork: Claudia N.