Dienstag, 4. Juni 2024

aura

hildegard war überzeugt
dass sie engel sah wenn
im blitzlichtgewitter das
sichtfeld sich verschob
verengte in teile zerfiel
doch das funkeln was für
ein funkeln und gleißen
was für ein flimmern wie
von güldnen aureolen oder
zu viel glanz auf flinken flügeln
wenn wahre engel zu sehen
bedeutete es mit schmerzen
zu bezahlen dann war das
doch ein kleiner preis







.märz_2024



Anm.:
Hildegard von Bingen, weiß man heute, war Migränikerin. Sie hat genaue Aufzeichnungen hinterlassen. Unter anderem auch Zeichnungen von den Visionen, die sie oft in Zusammenhang mit ihren heftigen Kopfschmerzen hatte. Heutige Migräneforscher erkennen in diesen Zeichnungen typische Muster von Migräne-Auren. Hildegard von Bingen sah darin Engel, die ihr erschienen.

ein lied will ich dir schreiben

ein lied will ich dir schreiben
eins das in allem ruht
eins das im herzen bleiben
die sorgen dir vertreiben
und schüren soll die glut

ein lied dich zu berühren
eins das die liebe preist
eins das dich zu mir führen
zum allerliebsten küren
mein wille es geheißt

doch wie nur soll es klingen
wie finden jenen ton
wie wildverwunden singen
sich seiden um dich schlingen
ach wie geläng das schon

hol ich doch bloß mit worten
mit feder auf papier
mit lautgemalten borten
gefühl aus klangretorten
und kann so scheint es mir

mit diesen niemals fassen
was du mir alles bist
kanns nur so stehen lassen
        


            dein wörterkomponist











.valentinstag '24

sinken

und immer öfter sinkst du
in die tage gleitet eins ins
andere hinüber in dem moment
wo du nicht hingesehen hast
noch beschäftigt warst mit
in dich kehren mit hoffen
auf ein ankommen bei dir
selbst im auge des
schneesturms da tränt es
sich leicht da fasst dich
an was zur seite gestellt
lehnt staub ansetzt geduldig
wartet dir auflauert wenn
dein schutzschild zu schwer
wird und du erkennst dass
ihn zu tragen dich schon
zu lang zu tief
hat sinken lassen





.feb_2024

Halblicht

Vom Gartenfenster links zu meiner Seite
kriecht ohne Laut die Dämmerung ins Haus.
Sie weitet sich mit kühlen Farben aus,
als ob sie einen dunklen Teppich breite.

Am Himmel stehen letzte Wolkenfetzen -
sanftrosa noch, doch schon verblasst der Ton
und langsam taucht die Welt ins Monochrom,
als würde sie sich selbst mit grau benetzen.

Die Augen brauchen länger, um zu fassen,
was sich in Halblichts Düsternis verbirgt;
ich spür, wie meines Schauens Trägheit wirkt
und kann mich in den Abend fallen lassen.

So gleit ich aus dem Licht zur Nacht hinüber
und dunkle mit dem Himmel Richtung schwarz.
Was wichtig war vom Tag; mein Herz bewahrt's.
Komm, sternbestickte Decke, senk dich nieder!





.feb_2024

herbstlicht über hinterbrühl

auf der a21 vorbei an hinterbrühl
es ging bergauf und der motor war laut
der letzte ausflug ohne das große
stumme monster zwischen dir und mir
ich sag jetzt nicht "das c-word" * denn
du würdest ohnehin meine aussprache
korrigieren wärst du noch hier doch
damals war da eine nähe (kann man mit
grad mal sechzig schon von altersmilde
sprechen?) ich glaub es war das licht
des herbstes so kristallklar so rein
dass nichts zwischen uns kommen konnte
kein raum war für ein nicht-verstehen
der wagen glitt von der hügelkuppe
ins nächste tal alles lief wie geschmiert
mayerling ("der arme kronprinz - welch ein
schicksal") gehörte uns an diesem tag
nie mehr davor oder danach waren wir so
innig so deutlich als mutter und tocher
in diesem unglaublichen herbstlicht
konturen nie wieder so gestochen scharf
noch heute kann ich an herbstlichttagen
wie diesem deinen umriss sehen so
sanft und leuchtend wie an diesem
einen tag





.jan_2024





*mit C-Word ist Cancer gemeint (nach der gleichnamigen TV-Serie)