deine worte rieselten in mich
vor jahrmillionen
sandkörnern gleich
verunreinigungen meiner selbst
ich hüllte sie in perlmutt
meiner gedanken
kreisend um die partikel
deiner hinterlassenschaft
wer mich öffnet
heute
findet dich
nicht mehr in mir
auskristallisiert
abgestoßen
konserviert
hab ich deine ideen
von mir
gewandelt
zu einem selbst
die nächsten jahrmillionen
überdauernd
.2010
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Donnerstag, 2. Februar 2017
Seismisches (Love-Wellen)
da
sind noch immer
spuren
von dir
in
den gängen
meines
hörens
meines
sehens
meines
fühlens
gesammeltes
regenwasser
in
den vertiefungen
deiner
fußabdrücke
bereit
beim
leisesten
nebelhaftesten
sanftesten
hauch
des erinnerns
von
dir erschüttert
zu
werden
.2010
Metamorphose
ER hatte sich verpuppt.
Im hintersten Winkel seiner Wohnung, an einem schwer zugänglichen Ort.
Eine neugierige Nachbarin hatte den Hausbesorger gerufen, als sich vor seiner Wohnungstür die Zeitungen dreier Wochen stapelten. Und der wiederum hatte wegen des schweren Sicherheitsriegels Feuerwehr und Polizei verständigt. Nachdem die Eingangstür aus den Angeln gehoben worden war, war ihnen zunächst ein Schwall abgestandener Luft entgegengeströmt, der den Geruch von Verwesung zur Erleichterung aller vermissen ließ. Stattdessen hing nun ein Duft im Raum, der schwer einzuordnen war.
Anders als in bewohnten Räumen, wo es - wenn auch in unterschiedlichem Maße - immer nach Körperausdünstungen, Essensgerüchen, schlimmstenfalls verdorbenen Lebensmitteln oder immer häufiger auch Raumdeodorants duftete, fiel hier das Fehlen ebendieser auf. Es roch beinah unerklärlich "sauber", unpersönlich. Dennoch - er musste daheim sein! Sein hingeworfener Schlüsselbund in der Schale auf dem Flurtischchen, seine achtlos abgestreiften Schuhe in der Flurmitte und die an die Wand gelehnte braune Aktenmappe sprachen eine deutliche Sprache.
Als der Hausmeister, eskortiert von zwei Polizeibeamten, der neugierigen Nachbarin und einem Feuerwehrmann, in die Wohnung vordrang, fiel auf, dass der Schall ihrer Geräusche immer leiser wurde. So, als würde er mit jedem Meter, den sie tiefer in die Behausung eindrangen, mehr absorbiert, verschluckt, von der Wohnung aufgenommen. Und nun sahen sie auch die Ursache dafür: Wände, Decken, Möbel, ja selbst Türblätter und Schranktüren waren mit Büchern überzogen. Die Bücher waren allesamt mit deren Buchrücken an den Untergrund geklebt und zwar in einem Abstand und Winkel, dass jedes einzelne Buch aufgefächert an das nächste stieß und so eine Art papierenen Schuppenpanzer bildete.
Es musste eine Heidenarbeit gewesen sein, die gut vierzig Quadratmeter große Wohnküche sowie das Schlafzimmer und das hintere Ende des Flurs derart auszukleiden. Von der Menge an Büchern und Klebstoff ganz zu schweigen. Jedenfalls wirkte diese Oberfläche wie ein perfekter Schallschlucker. Der fehlende Nachhall der von ihnen verursachten Geräusche wirkte eigenartig beklemmend auf die Expedition in Wohnung 6, Ressergasse 57, 2. Etage.
Es war, als würden sich alle ihren nächsten Atemzug und jede Bewegung zweimal überlegen.
Von IHM jedoch fehlte jede Spur. Manche Möbelstücke waren kaum zu erkennen in ihrer Hülle aus Papierfächerschuppen. Der ständige Wechsel von kleinsten Schatten- und Lichtflächen erschwerte das Ausmachen eindeutiger Konturen. Dort drüben schien sich eine Art Wohnwand befunden zu haben, die nun aussah wie eine Nische in einer zu hell und sauber geratenen Höhle. Sofa und Couchtisch waren da schon eindeutiger zu erkennen und bildeten zwei flache Hügel auf dem Boden. Doch was sich in der Nische zwischen der durch ein Barteil vom Wohnbereich abgetrennten offenen Küche und dem Esstisch befand, gab allen ein Rätsel auf.
Ein Sekretär vielleicht, tippte einer der Polizeibeamten. Doch dafür war die Gesamtform zu rundlich und zu schmal, kam man schließlich - flüsternd - überein.
Es war die Nachbarin, die schließlich neugierig nähertrat und mit einem leisen, von den Wänden erstickten Aufschrei auf eine kleine, eingetrockente Pfütze unter dem Objekt deutete. Erst jetzt fiel ihnen auf, dass das Objekt nicht auf dem Boden stand, sondern ebenfalls an der Wand zu haften schien. Angesichts dessen, dass es beinah menschengroß war, fanden sie diesen Umstand höchst erstaunlich. Außerdem war es als einziges nicht von aufgeschlagenen Büchern umhüllt, sondern von einer Masse, die eher an Pappmachee erinnerte. An manchen Stellen waren noch einzelne Wortfragmente erkennbar. Der Großteil der Oberfläche aber war ein verwischtes Weißgraubeige. Für Pappmachee war die Oberfläche aber andererseits nicht fest genug. Wenn man zudem genau hinsah, meinte man ein leichtes Schwingen der Hülle wahrzunehmen. Wie eine sanfte, einzige Welle, die die Form immer und immer wieder an deren Oberfläche überlief.
Einer der Polizisten tippte - vom Mut plötzlich entflammten Forschergeistes getrieben - mit seinem Schlagstock an das Objekt.
Zunächst geschah überhaupt nichts. Doch dann hörten sie es: ein leises Knistern erst, vermischt mit trockenem Rascheln. Dann ein lauteres Knacken und ein Ruck, der das "Ding" ein wenig in Vorlage kippen ließ.
Alle sprangen erschrocken zurück. Der Feuerwehrmann und der Hausbesorger gerieten dabei ins Straucheln und landeten rücklings zwischen tausenden Buchfächern, die dieses mit einer Geräuschlawine raschelnden, knisternden Papiers quittierten. Das laute Ritschratschen und Reißen hunderter, wenn nicht tausender Seiten, an denen sie im Fallen nach Halt suchten, schmerzte in den Ohren und klang dermaßen unirdisch, dass alle von Panik erfasst wurden.
Doch am unirdischsten von all dem war der nicht enden wollende Schrei der Nachbarin angesichts der Kreatur, die nun aus dem Riss in der Hülle drängte, zu Boden glitt und sich dort schlängelte und wand.
Sie schlüssig zu beschreiben, war keiner der im Anschluss daran in die geschlossene Abteilung verbrachten Augenzeugen in der Lage.
Den Protokollen zufolge musste in der Wohnung ein Halluzinogen unbekannter Herkunft und Zusammensetzung freigesetzt worden sein. Dieses musste auch dazu geführt haben, dass einer der Polizeibeamten in geister Verwirrtheit versucht hatte, mit einer entzündeten Kerze - wie er später angab - ein Möbelstück, vermutlich einen "verdächtigen Sekretär", zu inspizieren, der dabei in Brand geraten war.
Das Objekt 6, Ressergasse 57 war infolgedessen komplett ausgebrannt. Brandexperten konnten sich in keinster Weise die Geschwindigkeit erklären, mit der der Brand um sich gegriffen hatte. Der Fall würde für immer ein Rätsel bleiben und fand später sogar Eingang in Fachliteratur zum Bereich unerklärter Brandphänomene.
Unerklärlich blieb den Ärzten der psychiatrischen Abteilung vor Ort auch, weshalb alle fünf Patienten unablässig und fast zwanghaft wiederholten, der Mieter der Wohnung müsse ein echter Lesefanatiker und Bücherwurm gewesen sein. Der wahre Anlass für die Panik und das tiefsitzende Trauma allerdings war ihnen auch unter Einsatz von Regressionshypnose nicht zu entlocken.
Man legte den Fall - als klar wurde, dass man hier nicht weiterkommen würde - schließlich zu den Akten.
.2011
Im hintersten Winkel seiner Wohnung, an einem schwer zugänglichen Ort.
Eine neugierige Nachbarin hatte den Hausbesorger gerufen, als sich vor seiner Wohnungstür die Zeitungen dreier Wochen stapelten. Und der wiederum hatte wegen des schweren Sicherheitsriegels Feuerwehr und Polizei verständigt. Nachdem die Eingangstür aus den Angeln gehoben worden war, war ihnen zunächst ein Schwall abgestandener Luft entgegengeströmt, der den Geruch von Verwesung zur Erleichterung aller vermissen ließ. Stattdessen hing nun ein Duft im Raum, der schwer einzuordnen war.
Anders als in bewohnten Räumen, wo es - wenn auch in unterschiedlichem Maße - immer nach Körperausdünstungen, Essensgerüchen, schlimmstenfalls verdorbenen Lebensmitteln oder immer häufiger auch Raumdeodorants duftete, fiel hier das Fehlen ebendieser auf. Es roch beinah unerklärlich "sauber", unpersönlich. Dennoch - er musste daheim sein! Sein hingeworfener Schlüsselbund in der Schale auf dem Flurtischchen, seine achtlos abgestreiften Schuhe in der Flurmitte und die an die Wand gelehnte braune Aktenmappe sprachen eine deutliche Sprache.
Als der Hausmeister, eskortiert von zwei Polizeibeamten, der neugierigen Nachbarin und einem Feuerwehrmann, in die Wohnung vordrang, fiel auf, dass der Schall ihrer Geräusche immer leiser wurde. So, als würde er mit jedem Meter, den sie tiefer in die Behausung eindrangen, mehr absorbiert, verschluckt, von der Wohnung aufgenommen. Und nun sahen sie auch die Ursache dafür: Wände, Decken, Möbel, ja selbst Türblätter und Schranktüren waren mit Büchern überzogen. Die Bücher waren allesamt mit deren Buchrücken an den Untergrund geklebt und zwar in einem Abstand und Winkel, dass jedes einzelne Buch aufgefächert an das nächste stieß und so eine Art papierenen Schuppenpanzer bildete.
Es musste eine Heidenarbeit gewesen sein, die gut vierzig Quadratmeter große Wohnküche sowie das Schlafzimmer und das hintere Ende des Flurs derart auszukleiden. Von der Menge an Büchern und Klebstoff ganz zu schweigen. Jedenfalls wirkte diese Oberfläche wie ein perfekter Schallschlucker. Der fehlende Nachhall der von ihnen verursachten Geräusche wirkte eigenartig beklemmend auf die Expedition in Wohnung 6, Ressergasse 57, 2. Etage.
Es war, als würden sich alle ihren nächsten Atemzug und jede Bewegung zweimal überlegen.
Von IHM jedoch fehlte jede Spur. Manche Möbelstücke waren kaum zu erkennen in ihrer Hülle aus Papierfächerschuppen. Der ständige Wechsel von kleinsten Schatten- und Lichtflächen erschwerte das Ausmachen eindeutiger Konturen. Dort drüben schien sich eine Art Wohnwand befunden zu haben, die nun aussah wie eine Nische in einer zu hell und sauber geratenen Höhle. Sofa und Couchtisch waren da schon eindeutiger zu erkennen und bildeten zwei flache Hügel auf dem Boden. Doch was sich in der Nische zwischen der durch ein Barteil vom Wohnbereich abgetrennten offenen Küche und dem Esstisch befand, gab allen ein Rätsel auf.
Ein Sekretär vielleicht, tippte einer der Polizeibeamten. Doch dafür war die Gesamtform zu rundlich und zu schmal, kam man schließlich - flüsternd - überein.
Es war die Nachbarin, die schließlich neugierig nähertrat und mit einem leisen, von den Wänden erstickten Aufschrei auf eine kleine, eingetrockente Pfütze unter dem Objekt deutete. Erst jetzt fiel ihnen auf, dass das Objekt nicht auf dem Boden stand, sondern ebenfalls an der Wand zu haften schien. Angesichts dessen, dass es beinah menschengroß war, fanden sie diesen Umstand höchst erstaunlich. Außerdem war es als einziges nicht von aufgeschlagenen Büchern umhüllt, sondern von einer Masse, die eher an Pappmachee erinnerte. An manchen Stellen waren noch einzelne Wortfragmente erkennbar. Der Großteil der Oberfläche aber war ein verwischtes Weißgraubeige. Für Pappmachee war die Oberfläche aber andererseits nicht fest genug. Wenn man zudem genau hinsah, meinte man ein leichtes Schwingen der Hülle wahrzunehmen. Wie eine sanfte, einzige Welle, die die Form immer und immer wieder an deren Oberfläche überlief.
Einer der Polizisten tippte - vom Mut plötzlich entflammten Forschergeistes getrieben - mit seinem Schlagstock an das Objekt.
Zunächst geschah überhaupt nichts. Doch dann hörten sie es: ein leises Knistern erst, vermischt mit trockenem Rascheln. Dann ein lauteres Knacken und ein Ruck, der das "Ding" ein wenig in Vorlage kippen ließ.
Alle sprangen erschrocken zurück. Der Feuerwehrmann und der Hausbesorger gerieten dabei ins Straucheln und landeten rücklings zwischen tausenden Buchfächern, die dieses mit einer Geräuschlawine raschelnden, knisternden Papiers quittierten. Das laute Ritschratschen und Reißen hunderter, wenn nicht tausender Seiten, an denen sie im Fallen nach Halt suchten, schmerzte in den Ohren und klang dermaßen unirdisch, dass alle von Panik erfasst wurden.
Doch am unirdischsten von all dem war der nicht enden wollende Schrei der Nachbarin angesichts der Kreatur, die nun aus dem Riss in der Hülle drängte, zu Boden glitt und sich dort schlängelte und wand.
Sie schlüssig zu beschreiben, war keiner der im Anschluss daran in die geschlossene Abteilung verbrachten Augenzeugen in der Lage.
Den Protokollen zufolge musste in der Wohnung ein Halluzinogen unbekannter Herkunft und Zusammensetzung freigesetzt worden sein. Dieses musste auch dazu geführt haben, dass einer der Polizeibeamten in geister Verwirrtheit versucht hatte, mit einer entzündeten Kerze - wie er später angab - ein Möbelstück, vermutlich einen "verdächtigen Sekretär", zu inspizieren, der dabei in Brand geraten war.
Das Objekt 6, Ressergasse 57 war infolgedessen komplett ausgebrannt. Brandexperten konnten sich in keinster Weise die Geschwindigkeit erklären, mit der der Brand um sich gegriffen hatte. Der Fall würde für immer ein Rätsel bleiben und fand später sogar Eingang in Fachliteratur zum Bereich unerklärter Brandphänomene.
Unerklärlich blieb den Ärzten der psychiatrischen Abteilung vor Ort auch, weshalb alle fünf Patienten unablässig und fast zwanghaft wiederholten, der Mieter der Wohnung müsse ein echter Lesefanatiker und Bücherwurm gewesen sein. Der wahre Anlass für die Panik und das tiefsitzende Trauma allerdings war ihnen auch unter Einsatz von Regressionshypnose nicht zu entlocken.
Man legte den Fall - als klar wurde, dass man hier nicht weiterkommen würde - schließlich zu den Akten.
.2011
treibgut
von sommers
brise
an deine ufer
getrieben
möchte ich
stranden
sacht
durch das
schilf
gleiten
mit meiner
alten
wettergegerbten
hölzernen
zille
sanft auf
sand laufen
und mit
weichen stricken
verankern
an deinem
steg
.2008
Labels:
das leben,
die liebe,
freier vers,
kleinschreibung,
zweisamkeit
speisekarte zu dritt
„ich notiere:
eine bluse, hellblau.
eine hose, grau.
ein blazer, dunkelblau mit floralem muster.“ sagt der mann.
„welche unterwäsche haben sie ihrer mutter mitgebracht?
schuhe sind nicht erlaubt, das wissen sie?“ fragt er meine schwester in mechanischem tonfall und blickt dabei nicht von seinem formular hoch.
(wohin auch?)
unterbricht damit unsere eigene mechanik, die bis dahin so gut funktionierte.
„keine unterwäsche“ stottert diese
„ich dachte, die braucht sie ja nun nicht mehr...“.
peinliche schweigeminute.
ertappt lasse ich die tasche mit mutters schuhen verstohlen hinter meinem rücken verschwinden.
herinnen ist es kühl, während draußen spätsommerliche hitze drückt.
die parkanlage draußen ist wunderschön.
mutter wird es hier noch ein paar tage gut aushalten können, teilt uns der mann soeben mit, nachdem er das letzte häkchen gemacht hat.
und gestempelt. mit gerunzelter stirn.
mechanisch.
gesagt hat er etwas anderes.
nämlich: „sie sollten rasch für die beisetzung sorgen. wir können den leichnam nicht länger als drei tage hier lagern.“
lagern.
das hat er gesagt.
im beerdigungsinstitut legt uns die auffallend vergnügte dame einen zerfledderten ordner vor.
wie eine billig gemachte speisekarte im china-restaurant an der ecke:
ausgebleichte fotos, schief eingeklebt,
handbeschriftet, eselsohrig.
alte preise durchgestrichen,
die neuen einfach drübergekritzelt.
durch viel zu viele hände gegangen.
sterben ist wohl nichts exklusives.
einmal holzsarg, süß-sauer.
ohne reis, bitte. kinderportion.
sie war so winzig zuletzt. so fragil. so fremd.
meine schwester und ich treten hinaus in das sonnenlicht des unwirklichen tages.
verloren.
„weißt du, was mama gemacht hätte, wenn sie diesen katalog gesehen hätte?“ fragt sie mich.
wir blicken uns an.
und lachen, bis uns die tränen über die wangen fließen.
lange. zu lange gab es nichts zu lachen.
wenn wir etwas gut konnten zu dritt, dann das: lachen aus vollem herzen.
lachen, bis die rippen
schmerzen.
.2008
eine bluse, hellblau.
eine hose, grau.
ein blazer, dunkelblau mit floralem muster.“ sagt der mann.
„welche unterwäsche haben sie ihrer mutter mitgebracht?
schuhe sind nicht erlaubt, das wissen sie?“ fragt er meine schwester in mechanischem tonfall und blickt dabei nicht von seinem formular hoch.
(wohin auch?)
unterbricht damit unsere eigene mechanik, die bis dahin so gut funktionierte.
„keine unterwäsche“ stottert diese
„ich dachte, die braucht sie ja nun nicht mehr...“.
peinliche schweigeminute.
ertappt lasse ich die tasche mit mutters schuhen verstohlen hinter meinem rücken verschwinden.
herinnen ist es kühl, während draußen spätsommerliche hitze drückt.
die parkanlage draußen ist wunderschön.
mutter wird es hier noch ein paar tage gut aushalten können, teilt uns der mann soeben mit, nachdem er das letzte häkchen gemacht hat.
und gestempelt. mit gerunzelter stirn.
mechanisch.
gesagt hat er etwas anderes.
nämlich: „sie sollten rasch für die beisetzung sorgen. wir können den leichnam nicht länger als drei tage hier lagern.“
lagern.
das hat er gesagt.
im beerdigungsinstitut legt uns die auffallend vergnügte dame einen zerfledderten ordner vor.
wie eine billig gemachte speisekarte im china-restaurant an der ecke:
ausgebleichte fotos, schief eingeklebt,
handbeschriftet, eselsohrig.
alte preise durchgestrichen,
die neuen einfach drübergekritzelt.
durch viel zu viele hände gegangen.
sterben ist wohl nichts exklusives.
einmal holzsarg, süß-sauer.
ohne reis, bitte. kinderportion.
sie war so winzig zuletzt. so fragil. so fremd.
meine schwester und ich treten hinaus in das sonnenlicht des unwirklichen tages.
verloren.
„weißt du, was mama gemacht hätte, wenn sie diesen katalog gesehen hätte?“ fragt sie mich.
wir blicken uns an.
und lachen, bis uns die tränen über die wangen fließen.
lange. zu lange gab es nichts zu lachen.
wenn wir etwas gut konnten zu dritt, dann das: lachen aus vollem herzen.
lachen, bis die rippen
schmerzen.
.2008
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