Thursday, 2 February 2017

basislager

wieder war sie allein bis um die nächste biegung gegangen, von wo aus man den gipfel sehen konnte und hatte ihn beim zelt zurückgelassen.
er war – wie so oft – damit beschäftigt, die heringe tiefer zurück ins karge erdreich zu schlagen, die sich im verlauf der zeit stückchenweise wieder herausbewegten. teils, weil der wind an den zeltschnüren zerrte, teils, weil sie beide beim betreten und verlassen des zeltes an ihnen zogen und die konstruktion so wieder lockerten.

wie lange würden sie noch hier im basislager bleiben müssen? sie fühlte den rauen bergwind an ihrer haut. wie er versuchte, an ihr zu greifen, um sie stückchenweise abzutragen. so, wie er es mit dem berg selbst tat. sie schloss die augen für einen moment um nur zu fühlen, zog dann die jacke fester um sich und stellte den kragen auf. blinzelnd fixierte sie den gipfel. dort wollte sie hin. mit ihm. sie erinnerte sich nicht mehr genau, wann sie dieses ziel festgelegt hatten und warum die wahl auf genau diesen gipfel gefallen war. es war wohl eine ihrer typischen bauchgefühlsentscheidungen gewesen.

und wie immer hatte er vermutlich nicht viel dazu beigetragen, außer an den entscheidenden stellen zu schweigen. dort, wo sie ihm ihre sehnsucht mitgeteilt hatte. sie liebte es, ihm von ihren sehnsüchten zu erzählen und hielt sie bei ihm für in guten händen. er schwieg dann immer und unterbrach nur selten. sie hatte ihn für sein aufmerksames und verständiges schweigen immer geachtet.
er war so anders als sie. sie ergänzten einander in so vielen dingen, wo sie einander gut taten. doch seit sie zu dieser expedition aufgebrochen waren, war sie sich vieler dinge nicht mehr so sicher.

der wind war hier oben ein ständiger gefährte. er umraunte und bewisperte tag und nacht ihr lager, spielte seine melodie auf den saiten der zeltschnüre und trug ihnen herrlich verlockende gipfelluft zu. sie konnte sich eine stille ohne ihn gar nicht mehr vorstellen.

stille. sie redeten nicht mehr viel miteinander in den letzten tagen. wieviel zeit hatten sie hier auf dem ersten plateau bereits zugebracht? eine kleine ewigkeit, wie ihr schien. doch er meinte, sie könnten erst weiter, wenn das lager hier in einem solchen zustand wäre, dass es durch nichts gefährdet sein konnte. er hatte seine überlegungen wie immer gründlich dargelegt und sie hatte nichts dagegen einzuwenden gewusst.

jeden tag hatte sie ihn zu überreden versucht, mit ihr um diese biegung zu gehen und gemeinsam den gipfel zu betrachten. ihr gemeinsames ziel. doch es hatte immer einen grund für ihn gegeben, im lager zu bleiben. also war sie jeden tag allein gegangen.
in der zwischenzeit hatte er sich darum gekümmert, alles sauber zu halten. frischen tee zu machen und den proviant täglich neu zu kontrollieren. anfangs hatten sie noch gemeinsam über dem campingkocher ihr essen zubereitet und es aufregend romantisch gefunden. doch irgendwann hatte sie gelangweilt vom ewiggleichen aufgehört dabei zu helfen und war lieber zur biegung gewandert, um den gipfel zu sehen. er hatte also auch das von da an alleine erledigt. ebenso wie die immer wieder neu zu erstellenden kalkulationen der essensrationierung für die weitere wegstrecke.

die gründlichkeit mit der er diese dinge erledigte, gab ihm dabei etwas für sie so „ausschließliches“. stets, wenn sie von ihrem täglichen gang zur biegung zurückkam, war er in eine dieser tätigkeiten versunken gewesen und hatte sie kaum wahrgenommen. da er alles viel sorgfältiger und gewissenhafter erledigte als sie es je vermochte, waren allmählich alle verrichtungen und pflichten an ihn übergegangen.

sie war nur noch beobachterin, durfte sich in seinem heim geborgen fühlen und die von ihm zubereitete nahrung genießen. auch den schnee zum schmelzen des kochwassers besorgte er. zu gefährlich für sie, wie er meinte. sie war sein ein und alles, das nicht unnötig gefährdet werden sollte. und außerdem wusste er besser, wo die saubersten stellen mit dem reinsten schnee zu finden waren.

manchesmal, wenn sie um die biegung gegangen und so seinen blicken entzogen war, hatte sie sich dort in der deckung eine handvoll schmutzigen schnees in den mund geschoben, ohne diesen vorher von erd- oder pflanzenresten zu säubern. wenn sie danach zu ihm zurückgekommen war, hatte sie sich stets innerlich beschmutzt gefühlt. doch niemals waren die verdienten magenschmerzen oder andere beschwerden eingetreten.

sie beneidete ihn um die zufriedenheit, um diese erfülltheit, die er darin fand, das basislager zu hegen und zu pflegen. all diese kleinen handgriffe, die sie so ärgerten, weil sie stets aufs neue zu erledigen waren, verrichtete er mit einer hingabe, die sie nur in situationen aufbrachte, die für sie aus dem alltäglichen herausragten. sie beobachtete ihn oft beinah befremdet, wenn er seine kontrollgänge um das zelt vornahm und den halt der schnüre und heringe prüfte. da und dort liebevoll nachkorrigierte.

so würde sie das nie können. es war ihr keine erfüllung und sie fühlte sich ihm darin unendlich fern.

mittlerweile hatte sie sich bei ihren alleingängen hinter die biegung angewöhnt noch ein stück weiter bis an eine klippe zu wandern. sie hatte ihm diese klippe bewusst verschwiegen. erst noch, um ihn nicht unnötig zu beunruhigen. sie wusste ja, dass er sich sorgte. inzwischen war es zu etwas geworden, das sie nicht mit ihm teilen wollte.


....

sie war zunächst nur in die nähe der schroffen kante gegangen, hinter der es in die tiefe zu gehen schien. der kitzel dieses leise geahnten wagnisses war ihr vorerst genug gewesen. sie wollte sich ja nicht ernsthaft in gefahr bringen. was würde er ohne sie anfangen, wenn ihr etwas zustieß, nur, weil sie einmal unbedacht handelte?

doch in weiterer folge war sie jedesmal ein stückchen näher an den abgrund herangetreten. nicht sehen zu können, was in der tiefe auf sie warten mochte, übte eine geradezu magische anziehung auf sie aus. tief in ihrem inneren hatte sich etwas zu regen begonnen. lebendig fühlte es sich an. so herrlich lebendig inmitten all der erstarrung der so gehegten und gepflegten sicherheit.

seitdem war sie stets wundersam belebt, ja gradezu erregt zu ihm in das basislager zurückgekehrt. seine bedachtsamkeit war ihr dann im kontrast zu ihrer inneren unrast nur noch gegensätzlicher und fremder erschienen. er musste ihr doch förmlich ansehen, dass in ihrem inneren etwas zu brodeln begonnen hatte. ein sehnen, das nun geweckt worden und eben erst daran war, all seine energien zu entfalten. all seine köstlichen, verlockenden aromen.

gipfelduft und feuchtkühler süßlicher geruch modrigen laubs und morscher, gefallener stämme an schroffen steilhängen unter ihr aus vergessenen, unentdeckten tiefen. beides umspülte sie dort an der klippe, währnd sie dabei den herrlich schmutzigen schnee auf der zunge zerschmelzen ließ. jeden tag. drang über jeden ihrer sinne tief in sie und zog sie unentrinnbar weiter mit sich, hin zur kante.

doch er hatte ihr nur jedesmal sein übliches, warmes lächeln geschenkt, ihr einen flüchtigen kuss auf die windgekühlte wange gedrückt und sich dann wieder seinen pflichten im lager zugewendet. es war das, was er für sie tun konnte. das, was er gut konnte. sie wusste das. dennoch genügte es ihr plötzlich nicht mehr. und sie hasste sich für ihre unbescheidenheit. sie war in ihren augen eine verräterin an ihrem gemeinsamen glück.

sie hätte so gern das lebendige, das sie dort an der klippe fand, mit ihm geteilt. vielleicht, wenn sie ihn nur endlich leidenschaftlich genug küsste und dabei ihr ganzes sehnen, die ganze lebendigkeit, die sie von dort mitgenommen hatte, in ihn zu atmen vermochte, würde er erkennen!
sie versuchte es jeden tag aufs neue. irgendwann schließlich mit tränen in den augen. lang und mit all ihrer seele. wenn sie es nur richtig anstellte, musste er doch irgendwann das fühlen und verstehen, was sie ihm so verzweifelt versuchte beizubringen.

doch so, wie all ihre worte versagt hatten, versagten auch ihre küsse. schließlich gab sie auch das auf und küsste von da an nur noch mechanisch. alles andere schmerzte zu sehr. wenn es ihm aufgefallen war, so zeigte er es nicht. wenn er sich sorgte, weil sie in letzter zeit immer öfter weinen musste, wenn er ihr nahe kam, so gelang es ihm, auch das gut zu verbergen.

die zeit heilt alle wunden“ würde er wohl zu ihr sagen, um sie zu trösten. er würde es mit all seiner liebe zu ihr in der stimme sagen. das wusste sie.
doch nun war es die zeit, die die wunden schlug und jeden tag weiter aufriss. also war sie froh, dass er die worte nicht aussprach. sie wusste nicht, ob sie sie und seine liebe darin hätte ertragen können.

sie hatte begonnen, die worte auf kleine zettelchen zu schreiben und diese zu papierpropellern zu falten, die sie dann über die kante schickte. ihnen beim hinuntertrudeln zuzusehen, hatte etwas tröstliches, auch wenn sie nicht genau hätte sagen können, warum.

mit der zeit hatte sie sich auf dem bauch robbend bis an die kante vorgewagt. sie streckte ihren kopf darüber, um den propellern bei ihrem abwärtsflug in die tiefe zuzusehen. manche verfingen sich, zu nah an den schroffen steilhang geweht, im gestein, wo sie ab und zu noch vom wind erfasst zuckten, als lägen sie in ihren letzten verzweifelten zügen. andere entschwanden sacht tiefertrudelnd ihrem blick. sie stellte sich dann vor, wie diese behütet auf der talsohle landeten, um dort eine neue welt zu erkunden.

sie ertappte sich eines tages dabei, dass sie währenddessen ein lied einer ihrer lieblingssängerinnen summte, das sie schon gemocht hatte, lange bevor sie ihn kennen- und lieben gelernt hatte. plötzlich machte der text sinn!

...every morning I walk towards the edge
and throw little things off.
like carparts, bottles and cutlery,
whatever I find lying around.
I listen to the sounds they make
on their way down,
I follow with my eyes 'til they crash.
I imagine what my body would sound like
slamming against those rocks...
and when it lands,
will my eyes be closed or open?
I go through all this before you wake up,
so i can feel happier to be safe up here with you.“

und sie verstand und erkannte: sie war die person in dem lied! und sie war sie schon immer gewesen.

würde auch ihr genügen, dinge über die klippe zu werfen und der fantasie den rest zu überlassen? vermutlich musste sie nicht alles mit ihm teilen. sehr wahrscheinlich konnte sie das auch gar nicht. so, wie ihre papierwünsche ihren weg in die tiefe fanden, würde auch sie den ihren finden. nicht immer an seiner seite, für sich allein und dorthin getragen, wo der wind es für sie vorgesehen hatte.

sie rappelte sich hoch auf ihre knie, weg von der kante, um sich auf den rückweg ins basislager zu machen. den anblick des von wind und wetter zerfetzt in der felswand hängenden papierpropellers einige wenige meter tiefer unter ihr sperrte sie tief in ihrem innersten ein, um ihn dort so gut wie möglich zu vergessen.

während des rückwegs beschloss sie, ihn zu fragen, ob er im basislager auf ihre heimkehr warten würde, wenn sie allein richtung gipfel aufbräche. vielleicht würde er sie ja dann wenigstens vermissen. sie wusste, sie würde ihm damit wehtun. vielleicht würde er ja dann nachfühlen können, welche schmerzen sie schon viel zu lange für sie beide mit sich herumtrug.

sicher war sie sich allerdings bei gar nichts mehr. und war nicht die sicherheit das, wovon sie sich wegbewegen wollte? es war diese verfluchte sicherheit, die sie so lebensmüde machte.


gipfelluft drang in sie ein und begleitete sie auf ihrem weg. zurück zu ihm.




.2008
zitat liedtext: björk, "hyperballad"